Das Bitcoin-Netzwerk braucht Energie — eine Polemik

Wem ist es nicht aufgefallen — seit ein paar Monaten findet man mehr Berichterstattung zum Thema Bitcoin. Man könnten meinen, dass das an sich ja eine gute Sache wäre. Dass man der Gesellschaft den Zugang zu diesem für viele noch recht komplexen Thema digitaler Währungen bahnt, kommt aber dann leider doch als weniger aufklärerisch daher. Von Breiten-Medien bis Randpublikationen finden sich häufiger als üblich Beiträge, die Bitcoin als Risiko für die Umwelt darstellen. Kurz gesagt: Wegen des hohen Energieverbrauchs sei Bitcoin ein Risiko für die Zukunft der Menschheit. Und ebenso kurz und unterkomplex wie der letzte Satz daher kommt, sind auch viele Argumentationen in den Beiträgen.

Einer dieser Beiträge ist ein Blogbeitrag zweier Angestellter der EZB (Schaaf, Bindseil). Dr. Jürgen Schaaf ist bei der EZB Teil des Teams, was sich um die Einführung des digitalen Euro Euro kümmert. Vielleicht führt das dann einer Art geschwisterlicher Rivalität, deren Emotionalität dann die sachlichen Grundlagen verlässt. Ich verzichte drauf, den Blogpost hier zusammenzufassen und werde ihn gerne verlinken. Ich empfehle die Lektüre des Artikels, denn er ist eigentlich recht exemplarisch.

Nachdem sein Blutdruck nach Ende der Lektüre wieder runter kam, hat sich Bitboxer die Zeit genommen, eine Garage voll mit Fakten zusammenzutragen und detailliert auf die Argumente der Herren einzugehen. Seinen Post findet ihr hier.

Ich bewundere seine Geduld, und faktisch ist dem Beitrag gegenwärtig nicht mehr viel hinzuzufügen. Das kommt mir auch entgegen, denn so viel Mühe wie Bitboxer möchte ich mir gar nicht machen, der sehr detailliert den Text abgearbeitet hat. Stattdessen möchte ich einen Schritt zurück gehen und auf die grundlegenden Aussagen der Herren schauen. Denn aus dieser Perspektive muss man zum Ergebnis kommen: Wenn die Aussagen ernst gemeint sind und man konsequent ist, dann hat dieser Artikel recht krasse Implikationen für uns alle. Überspitzt gesagt vielleicht sogar unsere Auslöschung.

Auf der Haben-Seite liefere Bitcoin laut Schaaf, Bindseil keinen merklich positiven Nutzen, bestenfalls einen negativen. Da die Bewertung von Nutzen für eine Gesellschaft das (nicht zwingend monotone) Aggregat der individuellen Präferenzfunktionen für ein Nutzenbündel ist, ist diese Feststellung vor dem Hintergrund fehlender objektiver Informationen über die Präferenzfunktionen überaus spekulativ.

Auf der Soll-Seite wäre Bitcoin eine Blase, die im Fall eines angeblich unvermeidlichen Platzens den sozialen Zusammenhalt gefährden würde. Und es gibt Menschen, die für kriminelle Aktivitäten Bitcoin nutzen. Und die dann verbleibende Kernaussage zu dem aktuellen vermeintlichen Lieblingsproblemkreis um Bitcoin: Das Bitcoin-System ist ein Umweltverschmutzer, verwendet Energie und schädigt damit die Erde.

Das kann man nun mal der Reihe nach durchgehen.

  • Das Bitcoin-System ist ein Umweltverschmutzer
  • verwendet Energie
  • und schädigt damit die Erde

Das Bitcoin-System ist ein Umweltverschmutzer

„Bitcoin“ wird also nicht nur auf die Währung selber bezogen, das Aufrechterhalten des Netzwerks oder die notwendige Rechenkapazität, sondern auch auf die notwendige Hardware (kann man machen) bis hin zu Investitionen in Angestellte und Kapital. Das ist ziemlich weit gefasst, aber so unterstützt das ihre Argumentation.

„Angestellte“ mit einzubeziehen halte ich für etwas schwierig, wenn man nicht auch ergänzt, dass sie natürlich ohne Bitcoin einen anderen Job machen könnten, der mehr oder weniger sinnbehaftet sein könnte. Eine Blase postulierend würde das ganze beim Platzen alles wertlos sein und negative Beschäftigungseffekte folgen. Gleichzeitig heisst das ja aber, dass bisher unbeschäftigte Menschen beschäftigt seien. Daher mehr Haushaltseinkommen zur Verfügung stünde... was ja dann bedeutet, dass Bitcoin aktuell bereits wohlstandsstiftend sei.

Weiter geht es um Müll und dann Mining, aber dazu verweise ich erneut auf Bitboxer. Ebenso bei den verbliebenen Punkten wie der These zur Finanzierungen krimineller Aktivitäten.

… verwendet Energie…

Ich finde es schwierig, aus der Verwendung von Energie einen Vorwurf zu machen. Wir leben davon Energie zu verbrauchen. Ohne Energieaufwand würden wir nicht existieren.

Grundsätzlich ist eine Diskussion über die Nachhaltigkeit unseres Energieverbrauchs wichtig, weil wir mit der gegenwärtigen Art der Energieerzeugung den Klimawandel vorantreiben. Einen Klimawandel, der für das Leben auf der Erde bedrohlich wird. Das Problem ist folglich nicht die Art der Energieverwendung, sondern erst einmal der -erzeugung. Hier liegen die Herausforderungen, die wir lösen müssen.

Wir müssen in 10 Jahren, sogar schon in fünf Jahren, einen vollkommen anderen Energiemix haben als heute. Weniger zu verwenden ist schlichtweg nicht die richtige Lösung. Denn wir brauchen aus vielerlei Gründen Energieverwendung.

Innovation wird immer ineffizient sein, bis sie Marktreife erreicht und durch Lerneffekte besser wird. Innovation ist daher aus dem Blickfeld der Energieverwendung immer zunächst „negativ“. Daher läuft man die Gefahr, durch das Verurteilen potentiell ineffizienter Energienutzung auch Spielraum für Innovation abzuwürgen. Energieverwendung per se eignet sich daher schlecht als Vorwurf.

Die Kritiker richten also nicht den Blick nach vorne, wie Innovation in Zukunft nachhaltig Energie verwenden kann, auf den in der Zukunft für die Gesellschaft möglicherweise gebrachten Wert, sondern konzentrieren sich auf das Jetzt. Sie suchen eine Lösung im Jetzt, versuchen in einem aktuellen Mangel an nachhaltiger Energieerzeugung zu optimieren. Und die Optimierung besteht für sie scheinbar darin jede Energieverwendung ohne nachhaltigen Vorteil abzuschalten. Eine lokal optimale Entscheidung mag nicht die global optimale sein (mit Blick auf die Zeitachse).

… und schädigt damit die Erde

Selten gehen technische Innovation und der Ausbau der dazugehörigen Infrastruktur Hand in Hand. Meistens ist die Entwicklung zeitverzögert — also die Erfindung des Autos passierte bevor es befestigte Straßen gab, etc. Daher ist es  zwingend notwendig, ein paar Jahre voraus zu schauen, wie die Rahmenbedingungen dann sein werden, was man erreichen kann/muss, wohin man zuversichtlich gestalten sollte. Das gilt auch für die Energiepolitik. Nur wenn man weiß, wo man hin möchte, welches Ziel und welche Vision man vor Augen hat, kann man auch in der Gegenwart die richtigen Entscheidungen treffen.

Wenn man das Problem nur in der Gegenwart betrachtet und hier Panik verbreitet, die Situation also bereits dermaßen miserabel sei, dann sollte man wohl besser nicht mehr nur in kleinen Schritten denken. Wenn wir dermaßen in Not sind, dann sollten wir nicht nur über den Energieverbrauch von Bitcoin reden, sondern sinnvollerweise über alles, was Energie verbraucht. Wenn man möchte, dass Bitcoin schnellstmöglich die Grundlage entzogen wird, weil es die Erde zerstöre, dann sollte man so konsequent sein, und diese Forderung gegen alles erheben, was die Erde zerstört.

Es gibt erfahrungsgemäß zwei Dinge, die für die Erde besonders gefährlich sind. Asteroideneinschläge und Menschen. Während man schlecht etwas gegen ersteres tun kann, so sollten die Herren dann überlegen, ob es nicht notwendig wäre, den Menschen oder der Menschheit insgesamt die Grundlage zu entziehen, denn wir zerstören seit Jahren die Erde. Es ist mir unerklärlich, wie sie ein gutes Gewissen behalten können, wenn sie nur Bitcoin in den Fokus nehmen, aber andere viel deutlichere Zerstörer nicht.

Konsequenz

Die Menschheit wird sich also teilen. In diejenigen, die den Kritikern des Energieverbrauchs glauben, die Lösung aber nicht in einer neuen Energiepolitik sehen, sondern im „Abschalten“ der Energieverbraucher und Zerstörer. Sie wären konsequenterweise dann die letzten ihrer Generation.

Die anderen sind diejenigen, die zuversichtlich und gestaltungsbereit in die Zukunft schauen. Sie werden dann diejenigen sein, die die Erde besiedeln werden.

Schlussgedanken

Zuletzt möchte ich gerne noch einen weiteren Gedanken vortragen, der mir wichtig erscheint. Und der auf die mögliche eigentliche Zielsetzung des Beitrags eingeht.

Man kann einem Deutungsrahmen nicht widersprechen, ohne ihn zu stärken.

(Elisabeth Wehling: Die Macht der Sprachbilder)

Sowohl die Herren der EZB als auch viele Menschen aus der Cryptocommunity reden über das Thema „böser Energieverbrauch“. Es wird viel Zeit aufgewandt und viel Aufmerksamkeit erzeugt um zu widersprechen.

Das geht nach hinten los, denn mit jeder Gegenrede wird zwangsläufig auch das Argument vorgebracht, dem man widersprechen möchte. Immer wieder über Stöckchen zu springen, wird dafür sorgen, dass viele Menschen über Bitcoin schlecht denken. Es werden beide Argumente vorgebracht, negative ebenso wie positive. Warum bleibt das negative hängen?

Das liegt daran, dass in der Regel lediglich oberflächlich Informationen wahrgenommen werden und eine geringe Bereitschaft zu weiterer Komplexität im Leben besteht, die entstehen würde, wenn man sich tiefergehend mit einem Thema beschäftigt und tatsächlich in eine inhaltliche Abwägung gehen würde. Also überwiegen die evolutionspsychologischen Reflexe, die sich über Jahrzehntausende bewährt haben. Die risikoaverse schnelle Einteilung in Freund oder Feind, mit dem Ergebnis, das derzeit gesellschaftlich zu beobachten ist.

Wie sollte man also solche Diskussionen und Statements das nächste Mal aufgreifen (dieses Mal ist der Zug bereits abgefahren)? Meiner Meinung nach sollte man Reaktionen auf intentionsgeladene Beiträge genau dort hinterlassen, diese Diskussionen am besten nur dort führen, wo sie angestoßen werden. Und die Debatten nicht unnötig aus einer Blase heraustragen, wenn sich das vermeiden lässt. Man sollte dabei immer die Relevanz und entsprechende Reichweite im Auge haben. Wie relevant ist beispielsweise ein Blog einer Gruppe von Menschen, die sich in einem kleineren von mehreren Wirtschaftskreisen einer ehemaligen Volkspartei vermarkten und für zukünftige Karrieren präsentieren möchten? Welche Reichweite hat eine Diskussion mit Experten in einer Politikerrunde — bevor eine öffentliche Empörung bzw öffentlicher Widerspruch einsetzt?

Ich denke, es gibt genügend eigene Geschichten, die man über Bitcoin der Gesellschaft erzählen kann. Nämlich darüber, welche Teilhabe Bitcoin und Anwendungen drumherum ermöglichen, und welchen Schutz unserer Freiheit Bitcoin ermöglicht. All das sollte immer eine größere Wirkung haben, als jede Gegenrede.

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